Adventskalender Tag 14


Die wichtigste Nebenrolle der Welt

Indien. Februar 2014. Wir besuchen ein Kinderheim in der Nähe von Nellore. Die Kinder kommen uns lustig und aufgeregt mit Blumen und Girlanden entgegen. Einige Kinder tragen Krummdolche, die meisten haben einen Punkt auf der Stirn und aufgemalte Bärte. Aber warum? Wir als Besucher fragen uns das nicht wirklich, denn auf unserer Reise haben wir so viele Dinge gesehen, die wir nicht einordnen konnten, dass wir nicht jeder verwirrenden Sache auf den Grund gingen.

 

Wie sich herausstellte, hatten die Kinder ein Theaterstück für uns vorbereitet. Ihre Lieblingsgeschichte! Aber: Um welche Geschichte handelt es sich? Wir erkannten es an der Szene mit dem Engel und den vor Angst zitternden Hirten. Fürchtet euch nicht! Es muss die Weihnachtsgeschichte sein. Im Februar. Doch nicht nur die sommerlichen Temperaturen irritierten, auch die Inszenierung war – eigenwillig.

 

Maria, Joseph und das Kind waren in diesem Theaterstück allenfalls Randfiguren. Die wichtigsten Szenen fanden, opulent ausgestattet, im Palast statt. Ganz klar im Mittelpunkt stand: Herodes.

Der König. Mit seidenen Gewändern, goldenem Krummdolch und goldener Krone. Um ihn kreiste das Stück. Wie er im Palast hin und her geht. Wie er die Weisen aus dem Morgenland – also aus einer Gegend, die ziemlich um die Ecke vom Kinderheim liegen dürfte – empfängt. Wie Herodes in Unruhe gerät. Wie er die Schriftgelehrten und Sterndeuter kommen lässt.

 

Die Heilige Familie aus Nazareth läuft nur einmal kurz durchs Bild. Herodes dagegen tritt lang und breit und selbstgefällig auf. Erteilt Befehle, plant seine Strategie, lässt sich von zwölf (!) Dienern mit Palmwedeln Luft zufächeln. Und schließlich befielt Herodes mit höhnischem Lachen, alle bis zu zwei Jahre alten Kinder töten zu lassen. Mit diesen Worten endet das Stück.

 

Ob die Kinder nun jemals erfahren werden, dass die Weihnachtsgeschichte eigentlich keine Palastgeschichte ist? Könnte ich doch nur etwas Telugu, dann würde ich die Kinder fragen, ob sie wissen, was aus dem Ungeborenen der Familie aus Nazareth geworden ist.

 

Vielleicht hielten uns die Kinder auch einen Spiegel vor mit ihrer gewagten Inszenierung. Denn wohin schauen wir, wenn es um entscheidende Veränderungen in der Weltgeschichte geht? Auf die Paläste oder auf die Hütten? Auf die Haupt, - oder auf die Nebenfiguren? Welche Veränderung der Lage ist schon zu erwarten von ein paar umherirrenden Orientalen? Hauptfiguren? Nebenrollen? Verwechslungsgefahr. Und wieder kommt Gott durch die Hintertür zur Welt.

 

Pastorin Anja Neu-Illg