Andacht



Andacht im Advent zum Goldenen Kalb

Nerv jetzt nicht, Goldenes Kalb!
Ich hatte es mir ja selbst eingebrockt: Text 1 bis 40 von Oktober bis Juni, dann ist jetzt eben in der ersten Adventswoche das Goldene Kalb dran. Das will ja jetzt so gar nicht passen. Was haben wir zu tun mit einem archaischen Nomadenvolk, das sich einen Gott zimmert und drum herum tanzt?

Andererseits freue ich mich schon, endlich einmal im Frühling, ganz ohne GlühweinSterneVerzuckerung ernsthaft mit euch darüber nachzudenken, was es wirklich wirklich bedeutet und verändert, dass Gott ein Mensch wurde und nicht umgekehrt. Aber dazu mehr im Frühling. Erstmal diesen Winter überstehen. Eine arbeitende Regierung wäre auch mal schön. Eine Führung, die eingreift, mutig nach vorne geht und die nötigen Schritte einleitet, um uns aus diesem Chaos zu führen.

 

Was glänzt uns im Advent?
Wer seine Tagesdosis Endzeitstimmung, Kulturpessimismus und Konsumkritik noch nicht hatte, der kann auch einfach die Tagesschau einschalten. "Bling Bling" - Kritik ist schnell gemacht. Aber hat dieser Text vom Goldenen Kalb vielleicht noch mehr für uns als Warnungen vor allzu viel Materialismus? Gibt es gute Nachrichten in diesem Text? Luther sagt, dass man manchmal die Texte schütteln muss, damit Gute Nachricht herauskommt. Also, machen wir das mal.

 

Das Warten wird zu lang
Die Koalitionsverhandlungen auf dem Berg dauern zu lang und sind dem Volk auch nicht zugänglich. Die Führung wird ersehnt und bleibt aus. 

 

Das Volk macht sich keinen goldenen Mose
In der Logik des Volkes, müsste es sich eigentlich einen goldenen Mose machen. 

2. Mose 31,1 ...denn wir wissen nicht, 

was mit diesem Mose geschehen ist.

Sie wollen aber Götter. Nicht nur das Warten auf diesen Mose wird zu lang, sondern auch das Warten auf das Eingreifen Gottes, ja das Warten auf einen unsichtbaren Gott zehrt an den Nerven. Und das Volk fängt an, durchzudrehen. Höchste Zeit für sichtbare Erfolge.

 

Anbetung, die etwas hermacht
Die anderen haben es doch auch alle! Und mit Erfolg! Ein glänzendes Bild der Kraft ist genau richtig! Zum Bestaunen, zum Sehen, zum Anfassen, zum drum herum tanzen.

 

Götter, die uns führen. Menschen genügen ja nicht mehr. Es müssen Götter sein, auch nicht nur einer. Diese Lage werden wir nicht mit Warten überwinden. Götter müssen her, keine langsamen Menschen und kein unsichtbarer Gott. Götter, die wir vor uns hinstellen können!

 

Das Stierbild entsteht nicht von selbst
Immerhin, Aaron lässt keine "Götter" fabrizieren, sondern "nur" einen Gott. Zwischen dem was er tut (2. Mose 32, 2f) und dem, was er später sagt, was er getan hätte (2. Mose 32,22f) ist ein meilenweiter Unterschied. Das Stierbild ist nicht einfach im Feuer entstanden, es wurde bewusst und gezielt erdacht und gemacht. 

 

Dies ist kein Text um die Menschen voller Skrupeln mit noch mehr Selbstzweifeln zu versorgen: "Oh, habe ich aus versehen vielleicht irgendein Ding zu meinem Gott gemacht?" Nein, hast du nicht. Denn das passiert nicht einfach so. So, ohne eigenes Zutun und ohne, dass man es groß merken würde. Es ist ein bewusster Akt.

 

Wann ist ein Gott ein Gott
Besser gesagt vielleicht: Wann ist ein Ding ein Gott.

Gehen wir den Text einmal danach durch.

 

Ein Ding, das ein Gott "ist",

soll führen / "vor uns hergehen", und zwar sofort

soll glänzen

soll Kraft ausstrahlen

soll sichtbar sein

soll Opfer erhalten

soll ein Fest gemacht bekommen

soll angebetet werden

soll im Mittelpunkt eines großen Tanzes stehen

kann man sich selbst herstellen.

 

Gott an sich selbst erinnern
Von Gott wird nun wie von einem Menschen geredet, der in Zorn und Wut gerät und drakonische Strafen verlangt. Mose beschwichtigt den derart zornigen Gott, indem er ihn an sich selbst erinnert. Diese Art, die Geschichte zu erzählen, erinnert aber auch uns daran, wer Gott ist, nämlich der, 

 

der das Volk erwählt hat

der es in die Freiheit geführt hat

der ein Gott des Erbarmens ist

der Abraham, Isaak und Israel Nachkommen und Land versprochen hat,

dessen Zusagen gelten.

Warten auf den unsichtbaren Gott
Wir haben Gott nicht, wie wir ein Ding haben können. Gott ist Gott und kein Ding. Haben wir ihn, dann hat er uns nicht mehr. Was wir selbst erschaffen, kann uns nicht führen und nicht lieben. Sogar mit seinem Namen sollen wir vorsichtig sein. Als Mose ihn vor dem Aufbruch in die Freiheit fragt: Was soll ich sagen, wenn sie mich fragen, was dein Name ist? Da antwortet er: "'ehye 'ăšer 'ehye" (hebräisch) und dieser Name ist zugleich kein Name, denn er bedeutet:

 

Ich bin der ich bin.

Ich werde sein, der ich sein werde.

Ich werde mich zeigen als der, der ich bin.

Ich werde mit dir sein. 

Ich bin der: Ich bin da. 

So offenbart sich Gott und bleibt zugleich im Geheimnis seines Namens verborgen. Die selbst erschaffenen Götter sind viel greifbarer, aber sie haben uns nicht und sie halten uns nicht und sie führen uns nicht und sie lieben uns nicht.

 

Immanuel Gott mit uns
Jesus ist der Immanuel, der "Gott ist mit uns".

Doch auch in Jesus haben wir Gott nicht, wie wir ein Ding haben können. Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes. (Kol 1,15) Als Baby offenbart und zugleich das Geheimnis der ganzen Welt. Auf ihn warten wir, nicht fatalistisch, nicht untätig, nicht als ob diese Welt keine Bedeutung für uns hätte, nicht als ob es egal wäre ob wir leben oder sterben, nicht ohne den Versuch guter Leitung; aber wir warten.

Auf den Gott, der eingreift und der sein Wieder-auf-diese-Welt-Kommen versprochen hat.
Wir warten und schmieden uns nicht schnell selbst die Götter, die doch nichts können. 

Und auch, wenn das Warten dauert.
Es ist das Warten auf den Gott,
den es von sich aus gibt,
der uns in der Hand hat und der kommt.
Denn er hat es versprochen.

 

Amen.